•22. Oktober 2009 •
Die Frage is’ möchte man das denn überhaupt und die Frage is’ ebenso, wozu überhaupt?
Von der Grundannahme ausgehend, das viele Spieler ein echtes Motivationsproblem haben ohne das Interagieren mit dem Spielleiter und das Intervenieren durch den Spielleiter aktiv und vorallem mit Freude am Rollenspiel teilzunehmen, möchte ich diese ganze Problematik mal auf ein Kinderkarusell stellen und um 180° drehen – *schubs*.
Okay. Wie entertaine ich also den Spielleiter? Jetzt hock ich da in meiner demotivierten Trostlosigkeit und habe mich eigentlich darauf eingestellt mit epischen Storylines ála Dragonlance und fantastischen Charakteren wie bei Herr der Ringe bombadiert zu werden.
Situation 1: Der Spielleiter beschreibt in aller Ausführlichkeit einen Nichtspielercharakter. Der Detailgrad ist verglichen mit einem Spielercharakter schon fast zu enorm. Dieser Charakter scheint eine echte Story zu haben, die er zu gerne erzählen würde.
Spieler A: „Hey, können Sie mir etwas dazu sagen?“
Spieler B: „Tag – wäre es möglich etwas über jenes zu erfahren?“
Problematik: Alles schön und gut, aber wieso sollte der auch nur irgendwas Relevantes erzählen? Was hat er davon?
Lösungsansatz: Der Nichtspielercharakter möchte auch einen erwähnenswerten Platz in der epischen Geschichte der künftigen Protagonisten. Er möchte kein Interviewpartner sein, sondern gehört werden – vielleicht sogar geschätzt werden. Geben wir also dem Nichtspielercharakter auch die Chance sich einzubringen, führen wir meinetwegen Smalltalk mit ihm, funktioniert doch im echten Leben auch super gegenüber Fremden.
Situation 2: Die angesprochene epische Storyline. Soweit alles vorbereitet, auf dem Papier sieht der Spielleiter die Helden bereits nach vielen Tiefschlägen vor dem schwarzen Dämon stehen, flammende Schwerter, blitzende Patronen, dreckige Gesichter, Entschlossenheit in deren Augen, stolzgeschwollene Brust, Narben voll Leid und Verlust.
Problematik: Erstens führen Tiefschläge oft dazu das Spieler resigniert in ihren Sessel zurückfallen, vergleichbar mit einem disziplinlosen, trotzigen 3-jährigen und sich ungerecht behandelt fühlen wenn Dinge nicht auf Anhieb oder auch nach dem zweiten Mal nicht prompt klappen. Außerdem denkt der Spieler von Hier und Heute oft viel zu rational, ein Schuss aus einer Waffe ist allenfalls ein Wurf, niemals jedoch ein nervöses Ziehen aus dem Halfter, ein kurzer prüfender Blick auf die Sicherung, ein Zittern, ein unsicheres Anvisieren und ein Schuss, ehe man die Augen zusammenkneift. Verliert man Materielles ärgert man sich, wahrscheinlich ärgert sich auch der Charakter enorm. Doch sterben Freunde oder Familie (vorzugsweise Nichtspielercharaktere) wieso fehlt da die Vorstellung des Verlustes? Wieso kein Fäuste ballen, auf den Tisch schlagen, Aufstehen, Aufschreien und das Spotlight nutzen? Das ist schließlich das Privileg des Spielerdaseins, der Hauptakteur zu sein, der den man so sehen möchte, in all seiner Emotion.
Lösungsansatz: Einfach immer vor Augen halten – der Spielleiter ist dein Freund – er spielt niemals gegen Dich, sondern immer mit Dir. Er ist mindestens genauso interessant an einer interessanten Geschichte und die interessantesten Geschichten kennzeichnen sich eben durch Momente großen Leids und des Verlusts. Ein guter Held ist ein tragischer Held und der liegt öfter am Boden als er triumphal lächelt. Zudem ist es absolut erlaubt in seine Rolle reinzukippen, Stellung zu beziehen, Fäkalsprache zu verwenden und vorallem einen krassen Kontrast darzustellen. Zwischen einer Happy-Face-Situation und einer mein-Sohn-starb-gerade-in-meinen-Armen-Situation muss zwingend mehr sein als „Mein Charakter ist verdammt traurig und zornig.“
Situation 3: Der Abend ist in vollem Gange, meine Mitspieler streiten sich unbewußt ums Spotlight. Der Spielleiter ist hin- und hergerissen. Er steht vor der Entscheidung, allen Spielern die selbe Aufmerksamkeit zu widmen, oder sich dort zu vertiefen wo es am Interessanteten scheint (nicht immer die Jagd des Plottis – wer oder was Plotti genau ist, in einem anderen Artikel mehr dazu).
Problematik: Viele Spieler beginnen sich dann anderweitig zu beschäftigen, da sie ja gerade nicht „am Zug“ sind. Völliger Blödsinn, aus einem ganz einfachen Grund. Rollenspiel ist nicht Brettspiel und weil Rollenspiel nicht Brettspiel ist, heißts Rollenspiel und bietet so viel mehr Möglichkeiten als ein einzelnes Brettspiel (wenn nicht sogar die Gesamheit aller Brettspiele) es je könnte.
Lösungsansatz: Schaffe dir deine eigenen Probleme. Es liegt nicht immer am Spielleiter zu sagen „Huch, dich knurrt ein schwarzer Kampfhund an.“ oder „Woah. So knapp verfehlt dich ein Geschoss und fährt neben Dir in einer Wandkachel ein.“ Nein. Nein. Es ist sehr gut möglich diese Zeit für Charakterausgestaltung zu nutzen. Ein paar Beispiele:
- Mein Charakter arbeitet als Journalist für eine Tageszeitung. Da ich die Zeit habe bereite ich einen Vortrag über meinen neuesten Artikel vor und präsentiere den im Anschluss meinen Mitspielern, die ich ruhig dazu einbinden kann für 5-10 Minuten meine Arbeitskollegen zu spielen. Ein fairer Spielleiter entlohnt solche kreativen Ergüsse bestimmt und sei es nur durch eine iG-Gehaltserhöhung für einen astreinen Vortrag.
- Mein Charakter ist musikalisch interessiert, auf seinen Busfahrten schreibt er ähnlich wie Eminem in 8 Miles an ellenlangen Songtexten. Der perfekte Moment ebenfalls ein Buch mit Texten anzufertigen, vll. Texten zu meinem Erlebten als Charakter, vll. wird das irgendwann mal ein Handout für eine weitere Gruppe oder es pflastert die Kellerwände meiner Spielrunde, oder aber ich trage einen Rap mutig vor meiner Spielrunde vor, investiere somit echtes Schauspiel in mein Tun – das würde einen Spielleiter bestimmt begeistern.
- Ich bin nicht der/die Einzige mit dem Problem gerade nichts zu tun zu haben, also spiele ich einfach Nichtspielercharaktere (vll. sogar welche die schon vorkamen, mit Zustimmung des Spielleiters) und gebe diesen somit ihre erwünschte Aufmerksamkeit in diesem Epos, s. Situation 1.
- Spiele ich einen Künstler, könnte ich ein Bild malen.
- Spiele ich einen DJ, könnte ich mit einem Laptop Clubmusik auflegen, während andere unterforderte Mitspieler als Gäste einsteigen dürfen.
- Spiele ich einen Moderator, könnte ich eine Moderation vorbereiten, anstatt künftig in „Vormittags moderiere ich meine Show, …“ zu verfallen.
- Spiele ich … , könnte ich … . (Dann bitte tu es!)
- Eine vielfach bewährte Möglichkeit wäre dem Spielleiter einfach ein Fresschen vorzuwerfen, womit ich mich sofort wieder ins Spiel bringe. Notfalls erdenke ich mir eben eine Großmutter die ich zu besuchen habe, einen alten Freund aus Texas der gerade unerwartet mit seinem Wohnwagen in meinen Vorgarten brettert oder eine Tochter die eigentlich schon längst wieder aus der Schule zu Hause sein müsste. (Denn wer sagt denn, das der Spielleiter der einzige Spielschöpfer sein darf?)
spielleitende Grüße
Mezzi Muh-Miyake
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